Die Botschaft der Säule
Zwei Mal weilte Bischof Bernward in der Ewigen Stadt. Die kaiserliche Triumphsäule Trajans wird er gesehen haben, sie inspirierte ihn zum Entwurf seiner Christus-Säule. Was dort und damals in Marmor geschlagen war, hat er in Bronze gegossen, freilich mit einer neuen Botschaft.
Die ersten Jünger Jesu vertrauen auf die Botschaft eines jungen Mannes aus Nazareth (Mt 4, 17-20). Er muss überzeugend gewesen sein, wohl ein Mann des eindringlichen Wortes. Sie hingegen waren einfache, schwer arbeitende Menschen, Fischer am See Genezareth, ihre Boote dem flachen Wasser und tückischen Winden des galiläischen Meeres angepasst sowie stets auf der Hut vor den Beamten und Legionären der expandierenden Großmacht Rom. Was hat der charismatische Rabbi ausgerechnet ihnen schon zu sagen? Es ging um ein kommendes ewiges Reich, das nicht von dieser Welt sei und auf das man sich durch Umkehr („Ändert Euer Leben“) vorbereiten müsse. Deshalb sei unbedingte Nachfolge, als Haltungsänderung wie Ortswechsel, gefordert – eine ungeheuerliche Zumutung. Dennoch lässt der Künstler-Bischof Bernward die Bootsfischer erwartungsfreudig ihre Hände zur grüßenden Bestätigung erheben. Schließlich verließen sie ihre Netze, folgten dem Rufer und wurden zu Menschenfischern, so heißt es in einer der Grundschriften abendländischer Kultur. Ein spektakulärer archäologischer Fund von zeitgenössisch-antiken Bootsresten im westlichen Uferschlick des Sees von Galiläa im Jahre 1986 bestätigt etliches vom gewerblichen Umfeld des Nazareners (Shelley Wachsmann). Schiffbau und -steuerung, Fischfang und -vertrieb sowie die Gegebenheiten jener landschaftlichklimatischen Umwelt am Oberlauf des Jordan weisen vergleichbare Strukturen auf bis hinein ins 20. Jahrhundert. Das von Archäologen sorgsam geborgene „Jesus-Boot“ wurde nicht nur aufwändig transportiert, präpariert und konserviert im Yigal Allon Museum des Kibbuz Ginnossar/Migdal zur Schau gestellt, sondern fachmännisch rekonstruiert auf der Flensburger Museumswerft 2010 erstmals nachgebaut, zu Wasser gelassen als „Ichtys“ und seither auf der Schlei zum allseitigen Segel- und Rudererlebnis bereitgestellt – nicht nur für seetüchtige Bibeltreue und abenteuerhungrige Konfirmanden.
Was bleibt? Vor tausend Jahren formte Bernward, der Säulenmeister, inspiriert durch kaiserliche Triumphsäulen in Rom eine künstlerische Antwort auf ein Geschehen, das seinerseits ein Jahrtausend zurücklag. Der in Metall gegossene Christus hält mit seiner Linken dem Zebedäus und dessen Söhnen, Jakobus und Johannes, ein geöffnetes Buch vor Augen, die hebräische Bibel, den Ausweis seiner Sendung. Seine starke Rechte streckt er dem Jakobus wie zum Handschlag entgegen. Die wuchtige Geste einer scheinbaren bloßen Aufhilfe aus dem schwankenden Schiff verweist auf Grundsätzlicheres: Ein Bund soll geschlossen werden. Das setzt Vertrauens- und Friedensfähigkeit, also Bündnistreue der Partner voraus, eine Investition in Manpower will überlegt sein. Doch welches Ziel verfolgt die Jünger-Gemeinschaft? Welche Message hält das Buch der Zukunft bereit? Die Verwirklichung des radikalen Liebesgebotes, der Menschen- und Gottesliebe, ist der Botschaft Kern. Er signalisiert im Hier und Heute das Anbrechen des vom Gesalbten prophezeiten Gottesreiches, so künden es die Synoptiker. Eine geschwisterliche Gemeinschaft Gleichgesinnter ist dabei hilfreicher Sauerteig. Im Gang vom kleinen „Wir“ zum großen „Wir“ brechen selbst verkrustete Strukturen zum Besseren auf, deshalb der Bund der Willigen. Welch ein elementares Drama, im Grenzbereich von Land und Wasser monumental in Szene gesetzt und durch Bronze verewigt. Sein Auftrag der Liebe gilt, für Jeden auf seinem Platz. Das Buch der Zukunft ist für uns prinzipiell verschlossen, doch Zukünftiges ereignet sich nicht von selbst, es wird im Jetzt entschieden. (Werner Dicke)

Ausschnitt der Bernwardssäule des Hildesheimer Domes, um 1020 (Privatarchiv W. Dicke)