Entdeckungen am Wegesrand

Entdeckungen am Wegesrand

Wer Brixen/Bressanone besucht, kommt an zwei Phänomenen nicht vorbei: am bemalten Kreuzgang des Domes und am Wirken seines berühmtesten Bischofs, Nikolaus von Kues (1401-1464). Letzterer gilt als einer der genialsten Denker des 15. Jh. (E. Meuthen), aber als gescheiterter Reformer der Katholischen Kirche in vorreformatorischer Zeit. Auf einer Inspektionsreise in der Funktion eines päpstlichen Legaten visitierte er 1451 u.a. auch Hildesheim. Zumindest auf seine Anregung hin (W. Krogmann 1965) entstand ein religiöses Schnitzwerk, die sog. Cusanus-Tafel, mit vier Basistexten christlichen Glaubens, dem Vaterunser, dem Ave Maria, dem apostolischen Glaubensbekenntnis und den Zehn Geboten in gereimter Form und niederdeutscher Mundart (H. J. Rieckenberg 1983). Das Original der Holztafel in gotischer Minuskel wird im Roemer-Pelizaeus-Museum bewahrt, eine Kopie in St. Lamberti.

Nikolaus von Kues in Kardinalsrobe, aus dem Passions-Triptychon des St. Nikolaus-Hospitals in Bernkastel-Kues, 15. Jh. (J.Gelmi 2014)

Der romanisch-gotische Kreuzgang des Doms zu Brixen erhielt vom 14. bis 16. Jh. seine farbenfrohen Fresken, von denen der zeichnerisch verunglückte Elefant das wohl beliebteste Motiv abgibt (K. Wolfsgruber 2001). Eher unscheinbar dagegen wirkt das monochrome Bildnis der 11. Arkade am vermauerten ehemaligen Domeingang. Eine antike Seherin, die tiburtinische Sibylle, weissagt dem Weltenherrscher Octavian/Augustus (Legenda Aurea, 13. Jh., Hrsg. J. Laager 1982): Ein Knabe, der größer sei als er, würde von einer Jungfrau, thronend auf einem Altar, geboren. „Das ist der Altar des Himmels“, sprach eine Stimme zu Augustus. An jener Orakelstätte erhebt sich gemäß stadtrömischer Tradition die Kirche S. Maria in Ara Coeli, während S. Maria in Trastevere eine geweissagte ölige Quelle birgt, die ihrerseits den kommenden Welterlöser ankündigt. Wie eine pagane Doppel-Prophezeiung in christlicher Gewandung eine neue Deutung erfährt, können wir an diesem Fresko-Abschnitt des Südtiroler Kreuzgangs (um 1400) und in der Marienbasilika Trasteveres (4. Jh.) anschaulich nacherleben. Jede Epoche entwirft ihr eigenes Zukunftsheil. Varros vorchristliche Sibyllen machten es den Evangelisten und Kirchenvätern freilich leicht, antike Vorhersagen ins christliche Weltbild einzubinden. (Werner Dicke)

Eine tiburtinische Sibylle weissagt dem Princeps Augustus, Legenda Aurea (Foto A. Möller 2026, Brixner Kreuzgang)

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